Jährlich seit 1997 gibt das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (MLUR) seinen Bericht zu Jagd und Artenschutz heraus. Demnach haben die Jäger im zurückliegenden Jagdjahr landesweit 16.092 (Kreis Plön: 2.905) Stücke Schwarzwild erlegt. Das sind zwölf Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum (Kreis Plön: plus 2,4 Prozent) und rund zwanzigmal mehr Sauen als noch im Jahr 1955.
Das zeige, dass die Ausbreitung des Schwarzwildes in Schleswig-Holstein in Richtung Norden und Westen weiter voranschreitet, heißt es in dem gut 140 Seiten umfassenden Papier. Auch die "durchdachten und lobenswerten Empfehlungen" zur Schwarzwildbejagung des "Runden Tisches Schwarzwild" mit Akteuren aus Landesjagdverband, Bauernverband und dem Arbeitskreis Jagdgenossenschaften und Eigenjagden vom 9. September 2010 hätten daran nichts ändern können. Trotz hoher Streckenergebnisse wegen der darin geforderten intensiven Bejagung "mit allen waidgerechten jagdlichen Mitteln" unter "Beachtung der aktuellen wildbiologischen Erkenntnisse" nehmen die Schwarzwildbestände weiter zu.
Die Folgen für Mensch, Natur und Landwirtschaft sind weitreichend: Die Zahl der Wildunfälle im Straßenverkehr steigt proportional zur Streckenentwicklung, Sauen dringen zunehmend in Siedlungen ein und es wächst die Gefahr des Ausbruchs von Tierseuchen wie der klassischen Schweinepest. Besonders hoch sind die Schäden in der Landwirtschaft, wenn Wildschweine Maisfelder oder frisch eingesäte Äcker bearbeiten. Kommt das Getreide in die Milchreife, zieht es die Sauen vermehrt auf die Felder. Eine Rotte Sauen kann in nur einer Nacht einen ganzen Haferschlag oder ein Maisfeld verwüsten.
Das MLUR fordert nun einen "solidarischen Umgang der Jäger, Förster, Bauern, Jagdgenossen und Naturschützer miteinander", denn bei der Umsetzung der Erkenntnisse des "Runden Tisches" gebe es Defizite. Es sei das "Gebot der Stunde, der weiteren Vermehrung und Ausbreitung des Schwarzwildes (und des Schalenwildes insgesamt) energisch Einhalt zu gebieten".
Doch intensive Bejagung könne erst recht zur Vermehrung des Schwarzwildes führen, halten Kritiker dieser Strategie entgegen. Je intensiver die Tiere bejagt werden, desto stärker vermehren sie sich und desto höher werden die Bestände, schlussfolgert die französische Wissenschaftlerin Sabrina Servanty aus einer Langzeitstudie, in der sie mit einem Team von Wissenschaftlern 22 Jahre lang die Vermehrung von Wildschweinen in einem intensiv bejagten Waldgebiet im Departement Haute Marne mit einem wenig bejagten Gebiet in den Pyrenäen verglich. Der deutsche Schwarzwildexperte und Förster Norbert Happ kommt nach drei Jahrzehnten Arbeit mit dieser Wildart zu einem ähnlichen Ergebnis. Neben Umweltveränderungen, wie milde Winter, Waldmasthäufung und großflächige Landwirtschaft, erkennt er eine nicht genügend biologisch zielgerichtete Bejagung und die damit einhergehende Zerstörung der Sozialstruktur in den Rotten als Grund für die starke Vermehrung des Schwarzwildes. Jäger bräuchten deshalb unbedingt biologisches Grundwissen über das Schwarzwild, um es bestandsregulierend bejagen zu können. Happs sehr natürlich klingende Empfehlung: Jäger sollten Sauen jagen wie die Wölfe; die nehmen nur junges und das wenige wirklich alt gewordene Wild ins Visier, gesunde Sauen indes lassen sie laufen.