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| Freizeit und Kultur | ||
| Geschrieben von Kay-Christian-Heine | ||
| Samstag, 08. Oktober 2011 | ||
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Demokratischer Blick auf das Schlimme
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Amüsiert bis betroffen: das Publikum waehrend der Vernissage zu "DanebenLEBEN". in der "Galerie im Lutterbeker". Foto Heine |
"Künstler werden manchmal nach ihren Auftritten in irgendwelchen Vorstädten abgeworfen, weil dort die Unterkünfte billig sind", plaudert der Fotograf, Autor und Kabarettist Jess Jochimsen grinsend aus seinem Tourleben. Böse ist er darüber nicht. Im Gegenteil. In diesem "städtischen Hinterland", wie er es nennt, hat er Einblicke in Lebenswelten gewonnen, die ihm sonst vielleicht verborgen geblieben wären: schäbige Häuser, blätternder Putz und Kleinbürgerwelten, die nach Jochimsens Eindruck schon einmal zur "Kleinbürgerhölle" werden. Dort liegen Träume und Frust, Hoffnungen und Enttäuschungen nahe beieinander. Um dies künstlerisch zu verarbeiten, hat ihm das Wort eines Tages nicht mehr ausgereicht. Er griff zur Kamera.
Meist sind seine Bilder streng grafisch komponiert, zeigen in engen Ausschnitten Details der urbanen Speckgürtel. Nach grafischen Regeln sind auch die aus mehreren Fotos bestehenden Serien gestaltet. Form, Farbe und Geometrie bestimmen die Anordnung. Wirken seine Fotos einzeln komisch, erschütternd oder beklemmend, entfalten sie in ihrer Gesamtheit rhythmische Poesie von menschlicher Existenz am Rande der Metropolen.
In seiner Art, das Hässliche zu zeigen, verweist Jess Jochimsen auf die Fotografen Martin Parr und William Eggleston. Der Brite Parr hat mit ungeschönten, grellen Aufnahmen vom Massentourismus und Menschen der unteren Schichten Bekanntheit erlangt. Der US-Amerikaner Eggleston zeigt Supermärkte, die an urbanen Rändern entstehen, Gehsteige, Einfahrten, Terrassen, Autos und andere Dinge des Alltags. Er prägte den Begriff der "Democratic Camera", vor der grundsätzlich alles und jeder gleichwertig ist. Auch deshalb arbeitet Jess Jochimsen bis heute mit Farbnegativfilm. "Ich brauche das Gefühl, im Moment der Aufnahme nicht die volle Kontrolle zu haben", meint der Fotograf. Und: "Kein Photoshop."
"DanebenLEBEN" hat sich zu Jochimsens Langzeitprojekt ausgewachsen. Seit zehn Jahren macht er Fotos abseits der "glattgespiegelten Metropolen", die aus Jochimsens Sicht "keine Geschichten mehr erzählen", eben vom "Leben daneben". Mit jeder Reise des Künstlers wächst die in Bildserien, großformatigen Einzelbildern und collagenartigen Kompositionen in gebrauchten Bilderrahmen konzipierte Ausstellung weiter, einige Prints sind im "Lutterbeker" erstmals zu sehen. "Viele Fotos liegen jahrelang herum, ich denke über sie nach, nehme sie zur Hand, ordne sie ein oder lege sie wieder beiseite", beschreibt Jess Jochimsen die immerwährende Arbeit an "DanebenLEBEN".
Vom herzlichen Lachen bis zum betroffenen "da will ich nicht leben" reichen die Publikumsreaktionen auf die Fotos, weiß Jochimsen. "Aber genau dort leben wir", sagt er nachdrücklich, "diese Bilder findest du überall." Lustig über die Welten, in die er neugierig mit der Kamera hineinschaut, macht sich Jess Jochimsen nie. Im Gegenteil erkennt er in seinen Motiven eine besondere Art von "trotziger Würde" und Stolz der Menschen auf die Art, wie sie sich im städtischen Hinterland einzurichten versucht haben. Ihre Sehnsucht nach dem Schönen tun sie kund mit skurril dekorierten Fensterbänken und bizarr wirkenden Aushängeschildern. Kleine, heile Welt mitten im Schlimmen. Oft bleiben die Anstrengungen der Menschen vergeblich, auch davon zeugen Jess Jochimsens Fotos. Jochimsen: "Wenn dieser tragische Boden fehlt, dann hat ein Bild keinerlei Tiefe."
Jess Jochimsens Ausstellung "DanebenLEBEN" ist noch bis zum 1. Dezember in der "Galerie im "Lutterbeker", Dorfstraße 11 in Lutterbek, zu sehen. Informationen unter % 04343-9442, www.lutterbeker.de oder www.jessjochimsen.de. Jess Jochimsens Buch "DanebenLEBEN" mit 140 Farbfotografien und Kurzgeschichten ist bei dtv zum Preis von 9,95 Euro erschienen.





