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Wirtschaft und Politik
Geschrieben von Kay-Christian Heine   
Mittwoch, 09. November 2011

Kirchenkreis diskutiert über Strukturreformen

"Ecclesia semper reformanda" – Kirche muss sich andauernd erneuern – ist eine reformatorische Grunderkenntnis. Deshalb gibt es nun die Nordkirche, Strukturreformen in Nordelbien und die beständige Anpassung der Kirchenorganisation an eine sich ändernde Gesellschaft. Das bringt Kirche voran, belastet sie aber auch. "Kirche im Reformstress" hieß deshalb eine Diskussionsveranstaltung, die der Ökumene-Ausschuss des Kirchenkreises Plön-Segeberg und der Politische Kirchentag vorige Woche im Rahmen der Evangelischen Akademie Woche in Preetz anboten.

 

 

In den Gemeinden sich auf das besinnen, was gut funktioniert: Ulrike Brand-Seiß und Christoph Meyns über Stressbewältigung bei den Kirchenreformen. Foto: Heine
 

In den Gemeinden sich auf das besinnen, was gut funktioniert: Ulrike Brand-Seiß und Christoph Meyns über Stressbewältigung bei den Kirchenreformen. Foto: Heine

 

Getragen von der Sorge um sich selbst, schaut Kirche bang in die Zukunft. Um nichts weniger als "Erhalt und Stärkung ihrer Vitalität" angesichts von Überalterung und Bevölkerungsschrumpfung geht es der Nordelbischen Kirche in ihrem Reformprozess. Das bedeutet Stress für alle Beteiligten. "Die Menschen in der Kirche wollen ihre Kraft wieder ihren eigentlichen Aufgaben widmen und nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigt sein", hat Matthias Petersen, Propst des Kirchenkreisbezirks Plön, häufig von Konventen und Kirchenvorständen gehört. Nordkirche, Kirchenkreisreform, Umwandlung der Diakonie in eine GmbH - "langsam geht uns die Puste aus", bemerkt er. Einbrüche bei der Kirchensteuer, Halbierung der Kirchenmitgliederzahl in Schleswig-Holstein – "wie sollen wir so noch Kirche sein?", fragt Petersen.


Pastorin Ulrike Brand-Seiß und Pastor Christoph Meyns haben den Nordelbischen Reformprozess intensiv begleitet. Meyns ist nun auf der Arbeitsstelle für Reformumsetzung mit der Evaluation befasst. Beide machen in der Tat die demografische Entwicklung und drastische Einbrüche des Kirchensteueraufkommens als Stressfaktoren für die Kirche aus. Die Folgen des Strukturwandels sind einschneidend. Pfarrstellen: minus zehn Prozent. Kirchenmusikerstellen: minus 32 Prozent. Andere Stellen: minus 50 Prozent. 595 statt 680 Gemeinden, nur noch ein Drittel der Kirchenkreise und eine statt drei Landeskirchen. "Mit dem Umbau der Kirche stoßen wir auf weitere ungelöste Probleme", sagte Meyns. Alles gerate in den Blick, Kirche werde gleichsam "demaskiert".


Ein allein ökonomischer Reformansatz, der zuerst auf Einsparungen abziele, sei für die Kirche nicht geeignet. "Ziehen sie im Unterbau der Kirche Geld ab, so wackelt alles", warnt Meyns. Denn Kirche funktioniere nicht so wie ein Unternehmen. Sie könne weder neue Produkte erfinden noch dürfe der Schluss gezogen werden, ihre Strukturen seien für die Erledigung ihrer Aufgaben völlig ungeeignet. "Zu gefährlich für Kirche", befindet Meyns. Und: "Strukturelles Chaos in der Kirche ist kein Störfall, sondern gewollt." Strenge Management- und Zielforderungen passten dort nicht hinein, weil Kirche sich dafür in einem viel zu komplexen Netzwerk von Erwartungen bewege. Ein Pastor etwa ist gleichzeitig Vorgesetzter und Seelsorger. "Das geht eigentlich nicht zusammen", illustriert Meyns den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit. Genau das aber mache die Kernkompetenz von Kirche aus.
Beide Fachleute raten bei der Umsetzung von Reformen zu "gelassenem Engagement" und Gemeinden zur Besinnung auf das, was gut funktioniert. "Gutes erkennen und Schätze heben", nennt es Brand-Seiß griffig.
Erst komme das theologische Wissen um den Auftrag ("wer sind wir, was wollen wir?"), dann das Nachdenken über Inhalte und Angebote und erst danach die Entscheidung über nötige Ressourcen. "Die Reihenfolge ist wichtig", mahnt Brand-Seiß.


Und wo bleibt bei alldem der Mensch? Die Angst um den Arbeitsplatz und Kirchenbedienstete, die ihre physischen und mentalen Grenzen überschreiten, sind gegenwärtig. Das ließ sich am Rande der Veranstaltung vernehmen. Eine Antwort auf die Frage blieben die Experten schuldig. Indes hat sie auch niemand laut gestellt.

 
 
 

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