Der eine oder andere Besucher zog sich die Jacke enger um die Schultern, denn die Außentemperatur am Abend des vorvergangenen Donnerstags war erneut eisig und die herrschaftliche Eingangstür in unmittelbarer Nähe der Sitzreihen.
Dennoch schafften es Moritz und die Vortragenden, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Das literarische Thema wird sein Scherflein dazu beigetragen haben. Denn Paris als – so Moritz - "Großstadt schlechthin" stand im literarischen Fokus des Abends. Viele Schriftsteller und Lyriker hätten, ähnlich wie Venedig oder New York, Paris aufgegriffen als Ort für Projektionen jeglicher Art, für Träume und Sehnsüchte, als Stadt der Liebenden, der Intellektuellen, der Bauwerke und Friedhöfe.
Agnes Richter bestätigte dies bereits im Auftakt mit einem Text von Julien Green, in dem mancher seine eigenen Vorstellungen und gepflegten Klischees von Paris bestätigt gefunden haben mag. Niemand könne behaupten, so heißt es in dem Text, eine Stadt zu kennen, wenn er sich nicht in ihr verloren habe, ihre Details und unbestimmbaren Eigenschaften sehe wie das rissige, rote Leder eines Sofas in einem Café oder den marmornen Bistrotisch, auf dem ebenso viele Liebesbotschaften wie Abschiedsbriefe geschrieben worden sind. Oder das Foto eines Jungen, der vor einer Bäckerei ein Baguette isst. "Das ist Paris, unnachahmlich, unverkennbar", zitierte Richter und ließ ihre Zuhörer so die Aura dieser Stadt spüren.
Bei den im Dialog vorgetragenen Textstellen aus Anna Gavaldas "Zusammen ist man weniger allein" ließen die Schauspieler die Grenze zwischen Lesung und Schauspiel schließlich verschwimmen. Offenbar ganz in ihrem Element, hauchten sie den Figuren Leben ein. Agnes Richter verkörperte die sprichwörtliche Pariser Koketterie einer Herrenbesuch empfangenen jungen Französin ebenso unterhaltend wie Werner Klockow die schüchterne Unbeholfenheit des ihr den Hof machenden Mannes. Mag die Lesung bis hierher streckenweise etwas hölzern gewesen sein, so zeigte sich das teils gespannt auf die Stuhlkanten gerutschte Publikum mit seinen Lachern, Seufzern und Schnaufern glänzend amüsiert.
"Lesungen erfordern von Schauspieler viel Vorbereitung", gesteht Werner Klockow im anschließenden Gespräch. Zweimal habe er sich nach dem Studium der von Rainer Moritz ausgesuchten Texte mit Agnes Richter zu Sprechproben getroffen. "Dabei haben wir auch entschieden, was wir dialogisch vortragen wollen." Gerade Texte von Émile Zola oder Marcel Proust, der den Schwächeanfall seiner Großmutter an einem alten Toilettenhäuschen an den Champs-Élysées schildert, seien eine besondere sprachliche Herausforderung. "Daran sind Kollegen schon gescheitert", sagt Klockow lächelnd.