Nur noch das "Wie" muss interessieren
Es waren rund 70 Väter und Mütter der 5. Klassen an der Gemeinschaftsschule Probstei (GSP), die sich Dienstagabend in einem Klassenraum zusammengefunden hatten, um die neuesten Entwicklungen in der Diskussion um die Gemeinschaftsschule zu besprechen. Was sie beunruhigt, ist die Entscheidung der Gemeinde Köhn, bei einer Realisierung der Sechszügigkeit der Gemeinschaftsschule und der dann folgenden gymnasialen Oberstufe aus finanziellen Gründen aus dem Schulverband Probstei auszusteigen. Sie fürchten, andere Gemeinden könnten sich anschließen und damit das Projekt "Gemeinschaftsschule" kippen. Mit einem Brief an den Schulverband und einer Unterschriftensammlung wollen sie ihrem Protest Ausdruck verleihen. Weitere Aktionen sollen folgen.
|
Der ersten Zusammenkunft von rund 70 Vätern und Müttern von Fünftklässlern aus der Gemeinschaftsschule Probstei sollen weitere Aktionen folgen. Foto Butzke
|
Wie berichtet, ist die Sechszügigkeit der Gemeinschaftsschule Voraussetzung für eine gymnasiale Oberstufe, denn die Statistik prognostiziert, dass ein Drittel der Schüler die gymnasiale Oberstufe besuchen wird. Will man also zwei gymnasiale Oberstufenklassen einrichten, braucht man Sechszügigkeit im Vorfeld. Das alles kostet viel Geld für Schulräume, die erst gebaut werden müssen. Insgesamt 5,5 Millionen Euro (3,1 Millionen und 2,4 Millionen Euro je Bauabschnitt) hat der Schulverband Probstei veranschlagt. Gespart werden könnten rund 800.000 Euro, wenn man sich für eine "Modulbauweise" entscheidet – die Dienstagabend von den Eltern als "verkleidete Container" bezeichnet und zumindest in Frage gestellt wurde.
"Waren denn die Kosten vorher nicht bekannt?", fragten die Eltern einigermaßen fassungslos. Sie gaben an, wegen der GSP und des damit verbundenen Bildungsvorteils für ihre Kinder ihre Umzugspläne verschoben oder ihren Lebensmittelpunkt verlegt und in Immobilien investiert zu haben. "Wir sind getäuscht worden", hieß ihr bitteres Resümee. Sollten die gymnasiale Oberstufe wegfallen und die Sechszügigkeit auf Vierzügigkeit reduziert werden – womit die GSP zur "Regionalschule" werden würde – wollen etliche Eltern ihre Kinder aus der Schule nehmen und wegziehen, wie sie auf der Versammlung spontan erklärten.
Nach wie vor stehen zwei schwerwiegende Argumente der Gemeinde Köhn im Raum: die höheren Kosten für "Schulverbandskinder" im Gegensatz zu "Gastkindern" aus Gemeinden, die nicht im Schulverband sind – und die demografische Entwicklung. Jährlich 1.470,11 Euro pro Kind zahlen Schulverbandsgemeinden, rechnete ein Vater (der anonym bleiben will), der Versammlung vor; dagegen kosten "Fremdkinder" nur 1.151 Euro. Selbst wenn der Gastbetrag 2013 um 125 Euro angehoben wird, verbleibt ein Defizit von rund 200 Euro. Dagegen wollen die Eltern angehen. Sie fordern eine gesetzliche Erhöhung auf mindestens 1.500 Euro. Außerdem fordern sie die Gemeinden, die noch nicht Mitglied sind, zum Beitritt in die Solidargemeinschaft Schulverband Probstei auf.
Die sinkenden Schülerzahlen (Köhn hatte eine Abnahme um 40 Prozent bis 2015 angeführt) sehen die Eltern der GSP-Fünftklässler nicht ganz so dramatisch. "Laut Schulentwicklungsplan sind wir schon längst nur noch zweizügig", sagte Schulelternbeiratsvorsitzende Susanne Clemens. Man dürfe die Prognosen getrost in Frage stellen, meinten auch die anderen Eltern. Schließlich sei die Probstei als Zuzugsgebiet für Familien bekannt; viele junge Familien würden die Häuser wegziehender oder verstorbener alter Menschen übernehmen, ohne in der offiziellen Statistik aufzutauchen. Die jetzt schon vorliegenden rund 180 Anmeldungen für die fünften Klassen zum Schuljahr 2010/2011 würden eine andere Sprache sprechen.
Unter Leitung von Brigitte Martens, deren Kind die Klasse 5 d der GSP besucht, wurde der Text für ein Schreiben (siehe unten) verabschiedet, das dem Schulverband Probstei rechtzeitig zu dessen Sitzung am Donnerstag, 11. März, um 19.30 Uhr in der Caféteria des Kinder- und Jugendhauses übergeben werden soll. Dem Schreiben angehängt wird eine Liste mit Unterschriften von betroffenen und interessierten Eltern sowie Unterstützern. Am Dienstag, 9. März, auf den Elternabenden der 5. Klassen sollen diese Listen komplettiert werden.
Offener Brief an die Mitglieder des Schulverbandes Probstei
Eltern setzen sich für gymnasiale Oberstufe ein
Probstei (PH/jcb) Hinsichtlich der Diskussion über die Zügigkeit der Gemeinschaftsschule und die gymnasiale Oberstufe veröffentlicht der Probsteier Herold den Eltern-Brief an die Mitglieder des Schulverbandes Probstei in vollem Wortlaut.
"Sehr geehrte Damen und Herren, mit großer Sorge betrachten die Eltern die politische Diskussion in einzelnen Gemeinden des Schulverbandsgebietes. Die bevorstehenden Investitionen werden die Haushalte der schulverbandsangehörigen Gemeinden sicherlich deutlich belasten. Daher ist verständlich, dass über das ,Wie’ eines Erweiterungsbaus diskutiert wird.
Eine Diskussion über das ,Ob’ kommt aus Sicht der Eltern und Unterstützer allerdings viel zu spät. Dieses möchten wir mit folgenden Punkten begründen:
Der Beschluss der Schulverbandsversammlung, eine Gemeinschaftsschule zu gründen und sechszügig auszurichten, sowie das Ziel einer gymnasialen Oberstufe zu verfolgen, ist Grundlage für die Werbung der Schule um Schülerinnen und Schüler für die jetzigen Fünftklässler gewesen.
Diese Tatsache war und ist für viele Eltern der Grund, die Kinder an der Gemeinschaftsschule Probstei einzuschulen.
Andere Bürgerinnen und Bürger haben aufgrund dieser Ausrichtung auf Umzugspläne verzichtet oder haben ihren Lebensmittelpunkt in das Gebiet des Schulverbandes Probstei verlegt und in Immobilien investiert.
Die Gemeinschaftsschule stellt daher einen erheblichen Standortvorteil für die Mitgliedsgemeinden im Schulverband Probstei dar, wenn sie entsprechend ausgerichtet und mit dem Ziel einer gymnasialen Oberstufe auf ihrer "Reise" begleitet wird. Es handelt sich um einen wesentlichen Schritt entgegen des demografischen Wandels. Dadurch wird auch die Einnahmesituation der Gemeinden aus den Einkommensteueranteilen und Schlüsselzuweisungen positiv beeinflusst.
Eine Reduzierung auf eine Vierzügigkeit wird dazu führen, dass die gymnasiale Oberstufe nicht mehr realisierbar ist und dadurch vermutlich viele Eltern ihre Kinder mit Gymnasialempfehlung nicht mehr an die Gemeinschaftsschule Probstei entsenden. Dieses wiederum hat zur Folge, dass das Grundkonzept einer Gemeinschaftsschule (gemeinschaftliches Lernen in allen 3 Leistungsniveaus) gefährdet oder nicht mehr durchführbar ist. Dieses hätte faktisch zur Folge, dass aus der Gemeinschaftsschule eine Regionalschule wird. Dieses ist, wie wir hoffen, nicht das Ziel des Schulverbandes.
Die Frage der Berücksichtigung des demografischen Wandels ist angeraten, doch fehlt bei der Ermittlung zukünftiger Schülerzahlen der Generationswechsel in den Gemeinden. Ältere Menschen werden verziehen oder versterben. Die Häuser werden dann insbesondere von jungen Familien gesucht und bezogen. Dieser Schülerzuwachs findet sich in keiner Schulentwicklungsplanung wieder, ist aber insbesondere im ländlichen Raum ein erheblicher Faktor.
Die Zügigkeit mit 6 Jahrgangsklassen ändert sich im Vergleich zur bisherigen Vierzügigkeit der Realschule und der Einzügigkeit der Hauptschule nicht erheblich. Auch eine Sechszügigkeit hat es bereits gegeben.
Die Kosten von 3,1 Millionen Euro für eine Sechszügigkeit sind nach unserem Kenntnisstand bisher nicht ins Verhältnis zu den Kosten gesetzt worden, die für einen Umbau für eine Vierzügigkeit entstehen würden. Daher hinkt in diesem Bereich die Diskussion.
Die Mehrkosten, die den Mitgliedsgemeinden entstehen, ergeben sich durch Schülerinnen und Schülern von Gemeinden, die dem Schulverband nicht angehören, da die Schulkostenbeiträge geringer sind als die tatsächlichen Kosten. Dieses ist nachvollziehbar, aber ein landespolitisches Problem, auf dessen Lösung aus Sicht der Eltern auf folgende Arten hingewirkt werden kann:
Die Mitgliedsgemeinden im Schulverband sollten Gemeinden, die Schülerinnen und Schüler an die Gemeinschaftsschule entsenden, dazu veranlassen, dem Verband beizutreten oder eine Kooperationsvereinbarung abzuschließen, wie es das Schulgesetz mittlerweile vorsieht.
Alternativ oder ergänzend könnte politisch darauf hingewirkt werden, dass das Bildungsministerium die gesetzliche Verpflichtung der Gemeinden zur Sicherstellung mindestens des mittleren Bildungsabschlusses auch entsprechend durchsetzt. Dazu sind mindestens Kooperationsvereinbarungen mit einem Schulträger erforderlich, der diesen Schulabschluss bietet.
Durch eine gesetzliche Erhöhung des Schulkostenbeitrages auf mindestens 1.500 Euro können Gemeinden dazu gebracht werden, dass Beitritte zu Schulverbänden erfolgen werden. Auch dieses sollte vom Landesgesetzgeber eingefordert werden.
Die Eltern erklären ihre Bereitschaft, den Schulverband dabei zu unterstützen.
Wir Eltern bedauern sehr, dass durch die über die Medien kommunizierte Ausrichtung der Diskussion eine große Verunsicherung bei Eltern entstanden ist, die ihre Kinder im Sommer umschulen wollen. Dieses allein gefährdet die Sechszügigkeit. Es ist daher unbedingt erforderlich, so schnell wie möglich deutliche Entscheidungen zu treffen und zu kommunizieren. Diese Entscheidungen können allerdings nur die Fragen des ,Wie’ offen lassen, aber keinesfalls des ,Ob’!
In diesem Sinne bitten die die Resolution unterzeichnenden Eltern und Unterstützer der Sechszügigkeit und gymnasialer Oberstufe stellvertretend für alle jetzigen sowie alle zukünftigen Schüler um eine positive Entscheidungsfindung und Einhaltung des den Kindern gegebenen Versprechens.
Mit freundlichen Grüßen
Die Eltern und Unterstützer
der Gemeinschaftsschule Probstei"
|