"Oh, wie ist das schön …"
Auf meine Tankstelle ist Verlass. Sie hat wirklich noch eine schwarz-rot-gelbe Vuvuzela im Angebot, als ich mich am Sonntagabend auf den Weg ins "Bürgerhaus Stakenteich" nach Köhn machte, um mittels Public Viewing das Weltmeisterschafts-Spiel Deutschland gegen Australien mitzuerleben. Auf diese Weise, denke ich, werde ich mich mehr oder minder unauffällig unter die Fußballfans mischen können. Ich habe nämlich keine Ahnung von Fußball. Aber wenn die tuten, denke ich, werde ich es auch tun.
"Schieß doch, schieß doch - neiiiiin!" - Kloses misslungener Torversuch geht zu Herzen. Foto: Butzke
Es kommt anders. Im "Bürgerhaus Stakenteich" werde ich mit Hallo begrüßt. Zehn Erwachsene und vier Kinder haben sich eingefunden - einer phantasievoller gekleidet als der andere. Da gibt es den Deutschland-Fahnen-Kilt, die Deutschland-Farben-VoKuHiLa-Perücke, natürlich den Deutschland-Farben-Hut in Form eines bayerischen Oktoberfest-Modells samt dessen Original, als Haarband für die Dame "deutschfarbige" Hände, die Applaus klatschen, Fanclub-Kleidung mit Weltmeisterschaftsschal veredelt und natürlich die deutsche Flagge auf jedem Gesicht.
Ich habe nichts von alledem. Etwas beschämt packe ich meine Vuvuzela aus - und scheitere gleich daran, sie zusammenzusetzen. Ein junger Fußballfan nimmt mir die Sache aus der Hand und reicht mir die fertige Tröte mit der Aufforderung, nun mal kräftig zu blasen. Ich erzeuge ein bisschen warme Luft. "Das geht wie ein Waldhorn", ruft die mit den Händen auf dem Kopf. Aber ich habe keine Zeit mehr zum Üben, denn das Spiel hat begonnen, und schon brennt es vor dem deutschen Tor. Neben mir dröhnt eine andere Vuvuzela - um sofort gestoppt zu werden. "Das sind die Falschen, Mann!", brüllt ein Fan.
Ich schaue hinauf zur Leinwand, auf die der Beamer das Spielgeschehen bannt. Und da passiert es auch schon - ein Tor! "Podolskiiiiiiiii!", schreit der Saal, und eine Vuvuzela - meine Vuvuzela, die auf wundersame Weise in die richtigen Hände gelangt ist - beweist, was sie kann.
Das Oktoberfest-Modell und die Dame mit den Händen auf dem Kopf fallen sich in die Arme und küssen sich. VoKuHiLa springt auf und tanzt durch den Raum. Meine Ohren dröhnen, denn jetzt stößt ein anderer junger Fan auch noch einen gellenden Pfiff aus. Wahnsinn.
Als ich wieder hören kann, kriege ich mit, dass man sich über Klose aufregt. Warum ihn Löw überhaupt mitgenommen hat, wird gefragt. Die Erregung steigt, als Klose fast ..., aber eben nur fast ... "Mann, fahr doch nach Hause!", fordert der Saal unisono. Und doch - oh Wunder - gibt’s auch hier eine Wandlung, als Klose nämlich plötzlich köpft und - "Toooooor!" VoKuHiLa und der Weltmeisterschaftsschal haben sich an den Schultern gefasst. "Klose ist der Beste, Klose ist der Beste", singen sie.
Noch zwei Mal dröhnen die Vuvuzelas, gellen die Pfiffe und brüllen die Fans. Dazwischen gibt’s tiefe Seufzer der Enttäuschung und auch gleich die passende Antwort: "Das war abseits, Mama - alles wird gut!" Oder auch eigenwillige Charakterisierungen wie etwa bei der Einwechslung von Gómez: "Alle Bremer essen Döner, nur der Gómez, der isst Pommes." Wir Fans - ja, auch ich bin mittlerweile einer geworden - stärken uns in der Halbzeit mit Wiener Würstchen und merken bei der Einwechslung von Cacau grinsend an: "Ich möchte auch einen - aber bitte mit Sahne." Sehr geistreich ist das nicht, wie ich zugeben muss, aber irgendwie lustig.
Zum Schluss ist die Luft raus, denn wir haben den haushohen Sieg in der Tasche, und die Australier machen nicht den Eindruck, sich noch einmal aufbäumen zu wollen. So schleppen sich die letzten Minuten dahin, und zum Schluss gibt’s noch einmal einen Applaus. Superleistung. Superabend.
Schade übrigens, dass meine Tankstelle schon zu hat, als ich nach Hause fahre. Sonst hätte ich den Tankwart, der vorhin so mitleidig-milde lächelte, als ich die Vuvuzela kaufte, mal gefragt, ob er es nicht auch genial von Löw findet, dass er Müller den Vorzug vor Trochowski gegeben hat …
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